Kleiner Vogel Kolibri, führe uns nach Bimini; fliege du voran wir folgen

Tharepati

“Ich habe einen ewigen und unerfüllten Wunsch, unabhängig als Privatmann zu leben, wenn auch noch so bescheiden – dann würde ich mein Leben in entlegenen italienischen Nestern verbringen, große Wanderungen machen und mich dem ganzen Schwindel unseres modernen Lebens gründlich und behaglich fern fühlen.”
Hermann Hesse

 

Ein Bericht über drei Wochen Trekking durch den Shivapuri Nationalpark, durchs Helambu, zu den heiligen Seen von Gosainkund, ins Langtang-Tal, auf den Tamang Heritage Trail und durchs Ruby Valley.

Tag 1: 27.10.2014
Kathmandu – Nagi Gompa (Shivapuri Nationalpark)

Um 6 Uhr starte ich in Thamel, ich muss zunächst den Bus nach Buddhanilkantha finden. Nach ca. 20 Minuten habe ich den richtigen Bus herangewunken und quetsche mich mit meinem Gepäck in den schon gut gefüllten Kleinbus. In Buddhanilkantha kaufe ich etwas Proviant ein, Samosas und Bananen, dann laufe ich das steile Stück hoch zum Nationalpark-Eingang. Die Dorfbewohner beäugen mich argwöhnisch, mit meinem großen Rucksack, der Isomatte und den klobigen Bergstiefeln gebe ich wahrscheinlich ein nicht gerade alltägliches Bild in dem beschaulichen Ort ab.

Es geht hoch zur Gompa, der Weg ist mir gut bekannt, ich war letztes Jahr oft dort auf dem Weg zum Shivapuri Peak. Nagi Gompa ist ein kleines, buddhistisches Kloster am Hang des Shivapuri Peak gelegen, der Wanderweg zum Gipfel führt direkt an dem Kloster vorbei. Es ist ein traumhafter Tag, endlich ist die Sicht mal klar, keine Wolken, kaum Smog. Je höher man steigt, desto besser wird der Blick über das gesamte Kathmandu-Tal. Am Kloster mache ich wie immer eine Pause und genieße die Idylle dort oben. Spontan beschließe ich, den Tag am Kloster zu verbringen und dort zu übernachten, es gibt Unterkunft und Verpflegung für Besucher gegen eine kleine Spende. Ich bekomme nicht genug von der Fernsicht, weit unten im Tal sehe ich den Airport und beobachte startende und landende Flugzeuge, außerdem erkenne ich mit dem Fernglas Boudhanath und Swayambhu.

Kathmandu
Sicht vom Kloster auf das Kathmandu-Tal

Am Kloster komme ich mit einer Gruppe von Touristen in Kontakt, Deutsche und Schweizer, sie wohnen insgesamt 6 Tage im Kloster und machen dort einen Einführungskurs in den Buddhismus. Wir essen zusammen in der kleinen Klosterküche, schauen uns nachmittags die Puja in der Gebetshalle an und abends darf ich der Meditation beiwohnen. Es ist meine erste richtige Meditation und die Stimmung ist einfach magisch. Bei Kerzenlicht und auf diesem heiligen Berg lauschen wir zu Osho, danach summen wir ein paar Mantren. Bin sehr angetan von all der Spiritualität und gehe beseelt ins Bett. Der Sternenhimmel und die Sicht auf Kathmandu bei Nacht sind einfach unglaublich.

Nagi Gompa
Nagi Gompa in der Abendsonne

Tag 2: 28.10.2014
Nagi Gompa – Shivapuri Peak – Chisopani

Ich verabschiede mich von den lieben Nonnen und genieße noch einmal die Sicht auf das Kathmandu-Tal, das noch ruhig und friedlich zu schlafen scheint. Gegen 5:30 Uhr, bei erstem Licht, breche ich schließlich am Kloster auf. Dann wird es anstrengend, es geht hoch zum Gipfel auf 2725m, abwechselnd über Stufen und durch dichten Wald. Auch wenn ich den Weg mittlerweile fast in- und auswendig kenne, der Wald im Nationalpark fasziniert und verzaubert mich immer wieder aufs Neue. Kurz vor dem Gipfel erreiche ich Baghdwar, die Quelle des Bagmati. Der Bagmati ist Kathmandus größter und heiligster Fluss. In Kathmandu ist er wie alle Flüsse stark verschmutzt, hier oben an seiner Quelle ist das Wasser noch rein und bietet während des anstrengenden Aufstiegs immer wieder eine willkommene Erfrischung. In der Nähe der Quelle habe ich eine interessante Begegnung mit einem Sadhu, er lädt mich zu sich in seine bescheidene Behausung ein und bietet mir Tee und Kekse an. Wir sitzen eine Zeit lang am Feuer, manchmal mit Händen und Füßen verständigend, meistens schweigend. Erst jetzt wird mir die religiöse und spirituelle Bedeutung des Berges sowohl für Hindus als auch für Buddhisten so richtig bewusst.

Gegen 8 Uhr bin ich am Gipfel des Shivapuri Peak, eine an sich enttäuschende Lichtung im Wald mit null Sicht. Ich steige ein kleines Stück auf der anderen Seite ab, nach meinem Lieblingsplatz suchend, von wo aus man bei klarer Sicht einen tollen Blick auf den Himalaya genießen kann. Mir blutet jedes Mal das Herz wenn ich Touristen in Kathmandu treffe, die enttäuscht vom Shivapuri Peak zurückkehren und die miserable Sicht vom Gipfel beklagen. Nur ein paar Meter weiter vom Gipfel gibt es einen nicht ganz einfach zu findenden, über eine steile Klippe hervorstehenden Felsen, von dem man eine klasse Aussicht hat. Ich finde den Felsen wieder und verbringe viel Zeit dort. Als ich dort ankomme, sind Manaslu-, Ganesh- und Langtang Himal noch so gerade zu sehen, innerhalb kurzer Zeit verdecken Wolken bis auf die obersten Spitzen dann die meisten Berge in der Ferne. Was für ein Glück ich empfinde, wieder hier oben an meinem Lieblingsort zu sein, nach den schwierigen letzten Monaten in Deutschland mit dem Unfall und der endlos langen Reha danach.

Shivapuri Peak
am Shivapuri Peak

Nach einiger Zeit steige ich wieder runter zur Quelle und nehme die Abzweigung nach Chisopani. Die Anspannung wächst, in diesem Teil des Nationalparks war ich noch nicht, der Pfad ist längst nicht mehr so ausgetreten und deutlich zu erkennen wie zuvor und es ist ein langes Stück bis nach Chisopani, durch dichten, unbewohnten Dschungel. Immer wieder werde ich leicht nervös. Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Habe ich vielleicht eine Abzweigung verpasst? Liege ich gut in der Zeit? Wie viele Stunden habe ich noch im Tageslicht? Gerüchte gehen mir durch den Kopf, laut denen Solotrekker in der Vergangenheit spurlos verschwunden sind im Shivapuri Nationalpark. Wieso kann ich nicht einfach wie die anderen zigtausend Trekker auch den Standardweg von Sundarijal nach Chisopani nehmen?

Als der Dschungel ein bisschen lichter wird, sehe ich die von dichtem Wald bedeckte Nordseite des Shivapuri Peak und die weiten, spärlich besiedelten Täler und Hügel des Helambu. Unglaublich, wie schnell die Wildnis nördlich von Kathmandu beginnt, man lässt die Metropole hinter sich und wenige Kilometer später leben die Menschen wie in der Steinzeit. Bin erleichtert als ich endlich den Pass bei Borlang Bhanjyang erreiche und Menschen begegne. Um 16 Uhr bin ich in Chisopani, einer sehr schäbigen Ansammlung von Hotels, allerdings mit grandioser Himalaya-Sicht. Angeblich kann man fast den gesamten nepalesischen Himalaya-Kamm vom Annapurna im Westen bis Kanchenjunga im Osten sehen bei klarer Sicht, ich bin gespannt auf den Sonnenaufgang morgen früh. Abends ist es kalt, sitze mit Daunenjacke und Tee in der Lodge und unterhalte mich mit zwei Engländerinnen. Bin erfüllt von diesem wohligen Gefühl, am Ende eines physisch und mental anstrengenden Tages in der sicheren Lodge mit einem heißen Tee und Dal Bhat zu sitzen. Ich bin erst zwei Tage unterwegs, aber die Hektik und Geschäftigkeit Kathmandus scheinen bereits Lichtjahre entfernt zu sein. Die Eindrücke und Erlebnisse der letzten 48 Stunden schwirren durcheinander in meinem Kopf und sind noch lange nicht verarbeitet.

Tag 3: 29.10.2014
Chisopani – Golphu Bhanjyang

Um 5:15 Uhr klingelt mein Wecker. Ich bekomme zunächst einen Schrecken, meine Kamera geht nicht an, nichts tut sich. Verdammt, ich habe vergessen die Kamera über Nacht mit in den Schlafsack zu nehmen, durch die Kälte im Zimmer ist sie “eingefroren”. Nach einigem Ausprobieren und hastigem Aufwärmen der Akkus geht sie endlich an und ich schieße unzählige Fotos vom Sonnenaufgang.

Die Sicht ist klar und wahrhaftig beeindruckend. Im Westen sehe ich die Berge des Manaslu Himal, vor allem Himalchuli imponiert mit seiner markanten Form. Manaslu, achthöchster Berg der Erde und eigentlich der Superstar im Manaslu Himal, wirkt kleiner und mit seiner krummen Form unscheinbarer, er steht etwas isoliert abseits der anderen Berge. Daneben schließen sich die Berge des Ganesh Himal an und schließlich die Langtang-Range (Langtang Lirung, Dorje Lakpa, Shishapangma!), die sich im Norden Nepals und über die tibetische Grenze hinaus erstreckt. Im Osten sehe ich in weiter Ferne und kaum auszumachen die Berge des Rolwaling und Khumbu, einzig Gaurishankar ragt markant aus dem Gipfelmeer heraus.

Dann breche ich auf, der Weg direkt hinter Chisopani ist kompliziert zu finden, es gibt eine Schotterpiste und viele kleinere Wege, meistens Abkürzungen. Die Sicht zurück auf Shivapuri Peak und die umliegenden Täler und Hügel ist immer wieder toll, ich mache viele Fotopausen. Ich laufe nun durchs Helambu, eine tibetisch geprägte Region, die ich bereits einige Male vom Gipfel des Shivapuri Peak überblickt habe. Ich passiere Pati Bhanjyang, bevor der steile und anstrengende Aufstieg nach Chipling beginnt. Es bedeckt sich zunehmend, die meisten Berge bleiben leider verhüllt. Wenig später ist der Aufstieg geschafft und es geht auf der anderen Seite des Hügels runter nach Thotong. Ich laufe in einer Gruppe von Portern, nach einiger Zeit erreichen wir im Regen Golphu Bhanjyang. Bin froh endlich in der Lodge zu sein, es ist 15 Uhr und ungemütlich draußen.

Helambu
Kinder bei Thotong

Tag 4: 30.10.2014
Golphu Bhanjyang – Magingoth (3285m)

Um 5:30 Uhr stehe ich auf, will um 6 Uhr aufbrechen. Allerdings ist das Dorf komplett in Wolken verhüllt, man kann kaum 10 Meter weit sehen. Bei dem Wetter bleibe ich lieber in der Lodge und warte auf bessere Bedingungen. Lege mich noch mal für eine Stunde in den Schlafsack, um 8 Uhr dann hat es sich ein wenig aufgeklärt und ich breche auf. Ich treffe die beiden Engländerinnen aus der Lodge in Chisopani wieder, der Weg ist easy zu finden. In Khutumsang passiere ich den Checkpoint, dann wird es richtig anstrengend, es geht einen steil Hang rauf.

Khutumsang
bei Khutumsang

Um kurz vor eins erreiche ich den Sattel und ein paar Hütten bei Panghu. Wenig später erreiche ich Magingoth. Die Kälte und hohen Preise dort sind der gestiegenen Höhe geschuldet, mittlerweile habe ich die 3000m-Grenze überschritten. Eine große, anonyme Trekkinggruppe aus Belgien sitzt frisch geduscht am Ofen im Gemeinschaftsraum der Lodge, mir ist die Dusche zu teuer und ich sitze stinkend etwas abseits daneben.

Tag 5: 31.10.2014
Magingoth – Tharepati (3640m)

Früh morgens geht es hoch auf einen Aussichtsgipfel direkt bei Magingoth, er steht nicht im Lonely Planet und scheint ein kleiner Geheimtipp zu sein. Traumhafter Sonnenaufgang von dort. Bin der belgischen Gruppe gefolgt, nach einiger Zeit steigen sie wieder ab und ich habe den Ort für mich alleine. Es ist traumhaft, die Berge bilden ein tolles Panorama, ich bin ihnen bereits ein ganzes Stück näher gekommen seit Chisopani. Dorje Lakpa und weiter entfernt Gaurishankar sind die Highlights, dazu meine ich den Gipfel des Shishapangma (8027m) ausmachen zu können; der Guide der Belgier jedoch meint, der Achttausender sei nicht sichtbar von hier.

Später geht es das kurze Stück nach Tharepati. Ich lerne super Leute in der Lodge kennen, Sander aus Holland, und Daniel und Gali aus Israel.

Tag 6: 1.11.2014
Tharepati – Phedi

Es geht mit Sander, Gali und Daniel zunächst auf den nächsten Aussichtshügel, direkt oberhalb von Tharepati. Tolle, klare Sicht von dort.

Viele Fotos später geht es wieder runter und wir machen uns gemeinsam auf den Weg nach Phedi. Interessanter Weg, abwechselnd durch Wälder und an steilen, exponierten Hängen entlang. Es geht rauf und runter, Wetter und Sicht bleiben lange gut. Wir bewegen uns nun auf der Thare Danda Ridge, die ich immer aus der Ferne vom Shivapuri Peak gesehen habe und die den westlichen Ausläufer der Langtang-Range darstellt. Ein toller Nebeneffekt dieses Treks ist, dass ich mich immer weiter den Bergen annähere, mit jedem Tag, jedem Schritt werden sie größer und imposanter. Gegen Mittag erreichen wir Phedi, von hier geht es morgen über den Laurebina La Pass zu den heiligen Seen von Gosainkund.

Sander und ich machen uns nach dem Mittagessen auf die Suche nach den Trümmerteilen eines 1992 verunglückten Thai Airways-Fluges, die sich immer noch direkt unterhalb von Phedi befinden sollen. Die Boeing hat damals im Landeanflug auf Kathmandu im dichten Nebel die Orientierung verloren und ist in eben diesen Hang gestürzt, alle 113 Insassen haben ihr Leben verloren. Die Landschaft ist gespenstig, es ist sehr neblig mittlerweile, ich habe große Zweifel ob wir bei diesen Bedingungen die Absturzstelle finden. Stellenweise müssen wir richtig klettern, es geht an einem Wasserfall entlang, es ist steil und glatt. Es wird bereits spät und wir sind drauf und dran umzukehren, als wir die ersten kleinen Trümmerteile im Bambus erspähen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, wir sind beide wie gefesselt von der Atmosphäre und steigen weiter ab. Die Trümmerteile werden immer größer als wir uns durch den dichten, unwegsamen Bambuswald kämpfen. Wir finden Teile der äußeren Kabinenwand und große Teile des Fahrwerks und der Turbinen.

Drumherum liegen weit zerstreut unzählige Kleidungsstücke der Opfer. Es ist gespenstig. All die Teile liegen nach 22 Jahren noch hier, teilweise etwas verrottet, aber doch noch gut intakt größtenteils, beinahe als wäre die Maschine erst letzte Woche abgestürzt.

Um 17 Uhr sind wir wieder oben in der Lodge, es hat sich wieder etwas aufgeklärt und wir blicken auf eine Wolkenschicht unter uns.

Phedi
Abendstimmung bei Phedi

Tag 7: 2.11.2014
Phedi – Laurebina La (4610m) – Gosainkund (4400m)

Um 6 Uhr gibt es Frühstück, dann starten Sander und ich Richtung Laurebina La Pass. Daniel und Gali sind früher gestartet, sie gehen langsamer. Der Aufstieg ist harte Arbeit, es geht abwechselnd über Stufen, Felsen und Schnee rauf zum Pass. Das Wetter ist perfekt, keine Wolke am Himmel. Ich lasse es langsam angehen, mache viele Pausen und schaue immer wieder zurück auf die vielen Hügel und diesigen Täler des Helambu, so weit das Auge reicht. Das letzte Stück vorm Pass ist hammerhart, dann endlich stehen wir oben. Daniel und Gali erwarten uns schon bei den Gebetsfahnen, die den Pass markieren.

Der Pass übertrifft meine Erwartungen, die Sicht nach beiden Seiten ist grandios. Im Nordwesten sind die Annapurna-Berge, Manaslu ist mal wieder von Wolken verhüllt, die Ganesh Peaks scheinen zum Greifen nah. Direkt unterhalb des Passes befindet sich der erste der heiligen Seen, Surya Kund. Wir passieren weitere grün-blaue Seen und erreichen wenig später den Hauptsee und die Lodges von Gosainkund. Wir finden eine nette Lodge, genießen die Sicht über den See und schneebedeckten Berge ringsum, und essen zu Mittag. Dann verabschieden wir Daniel und Gali, sie müssen ihren Flieger in ein paar Tagen kriegen und gehen weiter. Nachmittags machen Sander und ich uns auf, den heiligen Gosainkund-See zu umrunden, vorbei an Gebetsfahnen und kleinen Tempeln, reich geschmückt mit Shiva-Devotionalien. Krönender Abschluss dieses Tages ist ein traumhafter Sonnenuntergang.


Tag 8: 3.11.2014
Gosainkund – Thulo Syabru

Um 5:30 Uhr starten Sander und ich, wir wollen den Bergkamm hinter den Lodges besteigen. Es dämmert noch und ist eisig kalt während wir hochsteigen. Oben werden wir mit einem magischen Sonnenaufgang belohnt. Während die Sonne aufsteigt, wechselt der Himmel im Minutentakt seine Farbe; grün, lila, orange. Die Sicht ist kristallklar, unten sehen wir die Lodges von Gosainkund und die beiden Nachbarseen. Auf der anderen Seite ist der halbe nepalesische und tibetische Himalaya zu sehen; Annapurna, Manaslu, Ganesh, Langtang und unzählige Gipfel jenseits der tibetischen Grenze.

Meine Kamera zickt anfangs mal wieder rum, erst nachdem ich die Akkus eine Weile an meinem Körper aufgewärmt habe, funktioniert sie. Wir bleiben lange oben, klettern auf dem Kamm herum, schießen etliche Fotos und lassen uns von der Sonne wärmen, als sie endlich über die Berge kommt. Endlich habe ich mal klare Sicht auf Manaslu, einer meiner Lieblingsberge, er war bisher meistens von Wolken bedeckt.

Wieder zurück in der Lodge frühstücken wir, packen, und brechen anschließend auf. Der Pfad führt zunächst flach oberhalb der beiden Seen entlang, dann beginnt der Abstieg nach Laurebina Yak. Die weißen Sechs-, Sieben-und Achttausender sind die ganze Zeit während des Abstiegs vor uns, davor etliche tiefe Täler und bewaldete Hügel.

Laurebina Yak
Sicht von Laurebina Yak auf den Himalaya-Hauptkamm

Nach ein paar Stunden erreichen wir die idyllische Ortschaft Sing Gompa, wo wir zu Mittag essen. Dann verabschiede ich mich von Sander, er steigt nach Dhunche ab, während ich den Pfad nach Thulo Syabru nehme, von wo aus es ins Langtang-Tal geht. Der Abstieg ist endlos lang und geht auf die Knie, insgesamt steige ich heute über 2200 Höhenmeter ab, vom kalten, hochalpinen Gosainkund bis ins warme Thulo Syabru. Am frühen Nachmittag erreiche ich Thulo Syabru, der Ort fühlt sich wie eine Großstadt an nach den kleinen Lodge-Ansammlungen der letzten Tage. Ich genieße eine heiße Dusche in der Lodge, es gibt Wifi und Netzempfang. Mein Zimmer liegt zur Rückseite raus, mit traumhafter Sicht vom Bett aus auf Ganesh Himal. Morgen beginnt ein neuer Abschnitt des Treks, es geht hinein ins Langtang Valley.

Tag 9: 4.11.2014
Thulo Syabru – Ghora Tabela

Der längste Tag bisher, ich mache richtig Meter heute, laufe den ganzen Tag bis Sonnenuntergang. Um ca. 8:30 Uhr breche ich auf in Thulo Syabru, biege ab ins Langtang Valley und gelange schließlich auf den vielbegangenen Hauptwanderweg. Die Sonne knallt, es ist tierisch warm und ich bin schnell nassgeschwitzt. Der Weg führt in einer tiefen Schlucht direkt am Langtang Khola entlang, dem größten Fluss in der Region. Es ist zunächst ein wenig monoton in der Schlucht, kaum Weitsichten, erst ab Lama Hotel wird es interessant, ab da kommt Langtang Lirung (7250m) immer wieder in Sicht. Langtang LirungEs geht rauf und runter, ich passiere Pairo, Bamboo, Rimche, esse in Lama Hotel zu Mittag und erreiche letztendlich erschöpft Ghora Tabela. Meine Füße brennen, mein Rücken schmerzt und meine Sachen sind nass von Schweiß. Aber ich fühle mich gut und fit, bin froh über meinen Fuß, der ohne größere Beschwerden durchhält. Auf dem Trek ist viel mehr los als noch in Helambu und Gosainkund, die Lodges sind voll, die Wege sind stark frequentiert von Maultieren, Portern und Touristen. Das Langtang-Gebiet ist das drittbeliebteste Trekkinggebiet Nepals, nach Annapurna und Everest.

Der Sonnenuntergang in Ghora Tabela ist ein Traum. Langtang Lirung wird rötlich angestrahlt von der untergehenden Sonne, der untere Teil des Berges wird umschleiert von Wolkenschwaden. Ergriffen verfolge ich das Naturschauspiel; die Wolken, die Farben, der riesengroße Berg vor meiner Nase, dessen Dimensionen kaum zu greifen sind. Fühle mich glücklich und privilegiert zu genau dieser Zeit an genau diesem Ort zu sein. Es ist gesellig und gemütlich im Speiseraum der Lodge, nette Leute, warmer Ofen und köstliches Dhal Bhat.Langtang Lirung


Tag 10: 5.11.2014
Ghora Tabela – Kyanjin Gompa

Es ist richtig frisch morgens in der Schlucht, die Sonne braucht lange bis sie endlich über die hohen Berge ins Tal scheint. Die Landschaft wird zunehmend karger, die Berge links und rechts immer schneebedeckter. Im Dorf Langtang esse ich zu Mittag, danach sind es noch ca. zwei Stunden bis nach Kyanjin Gompa. Der Ort liegt auf 3860m, es ist die letzte Siedlung im Tal und Hauptziel des Treks. Es ist gar nicht so einfach ein Zimmer in einer Lodge zu finden, viele Unterkünfte sind komplett ausgebucht mit großen Trekkinggruppen. Ich finde schließlich ein Bett im “Lovely Guesthouse”, einer kleinen, gemütlichen Lodge mitten im Ort, die ihren Namen verdient. Wärme mich kurz am Ofen auf, dann erkunde ich noch ein wenig das Dorf und die nahe Umgebung. Langtang Lirung im Nordwesten, Gang Chhenpo (6388m) im Südosten und Tsergo Ri (4984m) im Osten bestimmen die Szenerie, im Süden sind Naya Kangri (5846m) und direkt daneben der Ganja La zu sehen, ein schwieriger und selten begangener Pass, über den man auf direktem Weg ins Helambu gelangt.

Es wird langsam Abend und eine fotogene Wolkenfront zieht langsam das Tal hinauf.


Tag 11: 6.11.2014
Kyanjin Gompa – Langshisha Kharka – Kyanjin Gompa

Um 5:30 Uhr klingelt der Wecker, ich ziehe mich an und esse ekliges Tsampa-Porridge zum Frühstück. Es war das einzige Gericht auf der Karte, das ich noch nicht kannte; ab morgen gibt es wieder Chocolate Pancake. Dann breche ich auf, ich will das Tal weiter hochlaufen, weiter in die Berge hinein, bis nach Langshisha Kharka. Finde den direkten Weg anfangs nicht, laufe ein paar Umwege und verschwende Zeit und Kraft. Die Sonne braucht ewig bis sie mich erreicht und ich laufe lange durch die Kälte, immer weiter das Tal rauf. Irgendwann verliere ich den Weg aus den Augen und irre durch Sträucher und die Wildnis. Der Lonely Planet ist keine große Hilfe, er gibt nur wenige Informationen zu diesem Trip und auch meine Karte bringt mich nicht weiter. Schließlich sehe ich zwei wacklige Bretter, die über einen Seitenarm des Langtang Khola führen, sie leiten mich wieder auf den Hauptpfad. Wenig später erreiche ich Langshisha Kharka, eine Weidelandschaft für Yaks mit ein paar verlassenen Hütten.

Am Ende des Tals im Nordosten ist nun der mächtige Pemthang Karpo Ri (6830m) in all seiner Pracht zu sehen, ein Riese aus Eis, über den die Grenze zu Tibet verläuft. Angesichts des langen Rückwegs und meinen immer müder werdenden Beinen, beschließe ich hier umzudrehen.

Der Weg zurück ist hart. Ein heftiger Gegenwind pfeift mir gnadenlos um die Ohren, ich habe stechende Kopfschmerzen. Brauche eine gefühlte Ewigkeit bis ich endlich um 16 Uhr zurück in Kyanjin Gompa bin. Abends kaufe ich noch Yak-Käse in der örtlichen Käserei als Proviant für die Touren der nächsten Tage.

Tag 12: 7.11.2014
Kyanjin Gompa – Tsergo Ri – Tsona Lakes – Kyanjin Gompa

Früh morgens starte ich von der Lodge, es geht auf den Aussichtsgipfel Tsergo Ri. Der Berg wird oft bestiegen und so folge ich der Menschenschlange, die sich langsam den Berg hocharbeitet. Um 9:30 Uhr stehe ich auf dem Gipfel und genieße die perfekte 360° Rundumsicht. Schneebedeckte Bergspitzen wohin ich auch schaue umgeben mich, besonders die freie Sicht auf Langtang Lirung und die riesige Ostwand ist ein Highlight.

Nach einer Weile wird es richtig voll oben, ich schieße noch ein paar Fotos, dann steige ich runter. Der Abstieg ist knifflig, es geht den steilen Hang runter, ich muss mich konzentrieren nicht auszurutschen. Gegen 13 Uhr erreiche ich die Lodge und lege mich für ein Stündchen aufs Ohr.

Nachmittags mache ich noch einen Spaziergang zu den Tsona Lakes, fünf kleine Seen unweit von Kyanjin Gompa auf der anderen Seite des Langtang Khola. Ich überquere die Brücke über den Fluss und brauche eine Weile bis ich den ersten See finde. Die umliegenden Berge spiegeln sich fotogen auf der Wasseroberfläche, gleichzeitig ziehen die ersten Wolken aus dem Tal auf. Ich laufe durch Büsche und Sträucher, über Steine und sumpfigen Untergrund, bis ich alle fünf Seen gefunden habe.


Tag 13: 8.11.2014
Kyanjin Gompa – Langtang Lirung Base Camp – Kimshung Glacier – Kyanjin Gompa

Heute ist Langtang-Lirung-Tag. Ich bin von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang unterwegs, über Gletscher und Moränen, bergauf und bergab, auf Berge und durch Täler. Früh morgens mache ich mich auf Richtung Langtang Lirung Base Camp, ich will ganz nah dran an den Siebentausender. Der Weg dahin ist kaum begangen und nicht leicht zu finden, aber ich kann mich endlich mal auf meine Karte verlassen, sie führt mich letztendlich zum Ziel. Ich folge einem Seitental hinter Kyanjin Gompa, es geht zwischen einem Berg und der Seitenmoräne des Lirung-Gletschers entlang. Kurz bevor der Weg Richtung Westen abbiegt, sehe ich eine große Lawine die vom Kimshung (6760m) abgeht. LangtangIch klettere auf die Moräne des Gletschers, mittlerweile habe ich freie Sicht auf die riesige Ostwand des Langtang Lirung. Der Gletscher ist mit Geröll bedeckt, hin und wieder haben sich kleine Gletscherseen gebildet. Der Übergang des Gletschers zur Ostwand Langtang Lirungs und den Nachbarbergen ist surreal. Riesige Eisbrüche, vertikale Steilwände, Wasserfälle, Lawinenkegel, die von großen, regelmäßigen Lawinenabgängen zeugen; es gibt so viel zu sehen. Mittlerweile bin ich dem Berg so nah wie es nur irgendwie geht ohne ihn zu besteigen. Aus meiner Froschperspektive wirkt der Gipfel so nah, der Winkel verkürzt die wahren Ausmaße des Berges immens – Highlight! Auch der Blick zurück ist beeindruckend: Tsergo Ri, Dorje Lakpa und Gang Chhenpo sind im Osten zu sehen.

Auf der Seitenmoräne mache ich eine lange Pause und genieße meinen Yak-Käse. Fast im Minutentakt höre ich es donnern, das müssen Lawinen auf den anderen Seiten des Berges sein. In der Nähe finde ich die Memorials von Tomaž Humar und anderen Bergsteigern, die beim Versuch Langtang Lirung zu besteigen, gestorben sind.

Schließlich gehe ich langsam wieder zurück. Bin ganz alleine im Tal, der Trip steht nicht im Lonely Planet und ist ein kleiner Geheimtipp. Ich finde eine Abkürzung über den Gletscher, über die ich ins Lirung Valley gelange. Kurzerhand beschließe ich, noch das Lirung Valley hochzuwandern, Richtung Kimshung-Eisbruch. Es ist noch relativ früh und das Wetter könnte besser nicht sein. Ich folge einem Pfad direkt am Lirung Chu Fluss entlang, überquere ein paar kleine Gletscherbäche und erklimme anschließend eine steile Moräne, direkt vorm Kimshung-Eisbruch. Ich verliere den Pfad aus den Augen und klettere querfeldein auf direktem Weg hoch, teilweise auf allen Vieren. Beste Sicht von dort oben auf den Eisbruch. Die ganze 360°-Sicht ist beeindruckend, mit Langtang Lirung, Kimshung und vielen anderen Bergen. Ich bleibe nur kurz oben, es wird spät und ist sehr windig.

Schnell laufe ich das Tal wieder herunter; die Sonne ist bereits untergegangen, als ich gegen 18 Uhr die Lodge erreiche. Selten habe ich das Dal Bhat und den warmen Ofen so genossen wie heute Abend.

Tag 14: 9.11.2014
Kyanjin Gompa – Kyanjin Ri – Kyanjin Gompa – Ghora Tabela

Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg zum Hausberg von Kyanjin Gompa, Kyanjin Ri (4650m). Um kurz vor 10 bin ich oben, auf dem oberen der beiden Viewpoints. Schöne Sicht von dort, ich kann den kompletten Lirung-Gletscher, dem ich gestern so nah war, von oben sehen. Dazu perfekte Sicht mal wieder auf Langtang Lirung und Konsorten. Kyanjin RiWieder unten bei der Lodge genieße ich noch eine Weile die warme Mittagssonne, bevor ich Kyanjin Gompa verlasse und das Langtang-Tal absteige. Ich passiere die Dörfer Langtang, Ghumpa und andere kleine Ortschaften und steige letztendlich wieder in Ghora Tabela ab.

Langtang Valley

Morgen beginnt ein neuer Abschnitt des Treks, ich verlasse das Langtang-Tal und beginne den sogenannten Tamang Heritage Trail. Ich freue mich auf weniger Trekker, authentische Tamang-Dörfer und zuallermeist auf die Berge des Ganesh Himal.

Tag 15: 10.11.2014
Ghora Tabela – Briddim

Von Ghora Tabela laufe ich das Tal weiter runter bis nach Upper Rimche, dort nehme ich die High Route über Sherpagaon nach Briddim. Eine gute Entscheidung, denn ich lasse die großen Trekkinggruppen hinter mir. Landschaftlich ist der Weg ein Traum, sehr exponiert führt er hoch oben am Hang entlang, viel besser als die etwas langweilige und monotone Low Route am Langtang Khola Fluss entlang. Tief unten in der Schlucht höre ich den Fluss rauschen, die Sicht geht über das gesamte Langtang-Tal.

Langtang
bei Sherpagaon

In der Mittagssonne bin ich schnell nassgeschwitzt, in Sherpagaon pausiere und esse ich zu Mittag. Unterwegs nach Briddim kommen schließlich die weißen Berge des Ganesh Himal wieder in Sicht, weit unten im Tal sehe ich nun Syabrubesi und die Straße, die sich durchs Tal und über ein paar Hügel windet. In Briddim steige ich im Tibet Homestay ab, dusche und wasche noch etwas Wäsche. Ich bin nun auf dem Tamang Heritage Trail unterwegs, einem noch relativ neuen und wenig begangenen Trek, der durch traditionelle Bergdörfer der Volksgruppe Tamang führt.

Tag 16: 11.11.2014
Briddim – Timure – Rasuwa – Thuman

Ich verabschiede mich von der herzlichen Familie des Tibet Homestay und laufe los. Hinter Briddim geht es recht steil hinunter durch dichten Dschungel, ich passiere Lingling und erreiche schließlich die Straße unten beim Bhote Khosi Fluss. Mein Ziel ist Rasuwagadi, der Grenzübergang zu Tibet. Für ein paar Kilometer folge ich der Straße, auf der anderen Flussseite sehe ich immer wieder riesige Baustellen, dort entstehen hydroelektrische Kraftwerke. Kurz hinter Timure kommt ein Checkpost der Armee, ich rechne damit aufgefordert zu werden meinen Permit zu zeigen, und, da ich diesen nicht habe, umkehren zu müssen. Aber die Soldaten grüßen mich nur freundlich und lassen mich passieren. Dann erreiche ich Rasuwagadi. Ich hatte gehofft von hier eventuell einen Blick nach Tibet, ins Kyirong Valley, erhaschen zu können, doch ich sehe nur ein riesiges chinesisches Grenzgebäude auf der anderen Seite der Brücke und steile Berghänge dahinter. RasuwagadiIch laufe bis zur Brücke, bis ich von Soldaten angehalten werde. Gehe die staubige Straße wieder zurück bis nach Timure, irgendwann überquere ich eine große Hängebrücke über den Bhote Khosi. Es folgt ein schweißtreibender 700m-Aufstieg bis nach Thuman. Thuman ist ein richtig ursprüngliches nepalesisches Bergdorf, ich glaube hier oben hat sich das Leben in den letzten 500 Jahren nicht großartig verändert. Es liegt an einem steilen Hang, es gibt eine Handvoll Lodges und Homestays, vor den Häusern der Bewohner wird Hirse getrocknet.

Tag 17: 12.11.2014
Thuman – Taruche – Nagthali Gyang

Morgens geht es als erstes das steile Stück rauf nach Nagthali Gyang (3165m). Ich lasse es ruhig angehen, mache viele Pausen und beobachte ein paar Affen in den Bäumen. Schließlich erreiche ich die Lodges von Nagthali Gyang. Die Sicht ist überragend nach allen Seiten, von den Bergen jenseits der tibetischen Grenze, über die Langtang-Berge, ins Tal hinunter nach Syabrubesi und anderen kleinen Ortschaften auf den Hängen, bis zum Ganesh Himal. Ich esse eine Kleinigkeit und mache mich dann auf den Weg zum Taruche Viewpoint, von dort soll die Sicht noch besser sein. Es dauert ca. zwei Stunden, dann habe ich die Gebetsfahnen und die Lichtung bei Taruche erreicht. In der Tat ist die Sicht noch ein wenig besser. Die einzelnen Ganesh-Berge sind gut zu erkennen und im Norden kann ich nun weit nach Tibet hineinspähen.

Wieder unten in Nagthali Gyang beschließe ich spontan, die Nacht hier zu verbringen, ich kann diesen Ort nicht jetzt schon verlassen. Eine gute Entscheidung, denn der Sonnenuntergang ist magisch. Langsam zieht eine Wolkendecke aus dem Tal hoch, dazu die weißen Berge, angestrahlt in verschiedenen Rottönen, während die Sonne langsam untergeht. Dieser Ort mit seinem exponierten Sattel, eingekesselt von hohen Bergen und den tiefen Täler rundherum ist ohne Zweifel eines der Highlights bisher.


Tag 18: 13.11.2014
Nagthali Gyang – Tatopani – Gatlang

Von Nagthali Gyang geht es ein kurzes Stück steil bergab nach Tatopani, nach ca. einer Stunde bin ich da. Im Gegensatz zu Nagthali Gyang ist Tatopani wieder ein richtiges Dorf, mit vielen Lodges und der Hauptattraktion, den heißen Quellen. Ich nehme ein Bad in den Quellen, um 11 Uhr geht es weiter. Der Weg führt über Gonggang und Chimile, ein kleines Stück die Straße entlang und schließlich Richtung Westen, in ein Seitental hinein. Der Trek wird entlegener, ich treffe kaum noch Leute unterwegs, der Pfad wird zunehmend schwieriger auszumachen. Es geht ein anstrengendes Stück einen Hang hinauf, etwas unerwartet, ich hatte mich auf einen relaxten Spaziergang nach Gatlang eingestellt. Nach ca. 500 Höhenmetern Aufstieg überquere ich den Bergrücken und verliere den Pfad aus den Augen. Ich frage ein paar einheimische Hirten nach dem Weg, sie geben aber entweder widersprüchliche Informationen oder antworten in Tamang, was ich nicht verstehe. Nach einer Weile des Herumirrens glaube ich den Weg schließlich wiedergefunden zu haben, ich bin fix und fertig von der Hitze und vom ganzen Auf-und Absteigen.

Nachmittags erreiche ich endlich Gatlang. Es ist das größte Dorf in der Region, die Bewohner, vor allem die Kinder stürzen sich neugierig auf mich, offensichtlich bekommen die Leute hier nur wenige westliche Trekker zu Gesicht. Ich finde einen netten Homestay für die Nacht, bei einer Familie kann ich im Gemeinschaftsraum auf einer Pritsche schlafen. Abends lerne ich Daniel aus England kennen, der ungefähr denselben Trek wie ich gemacht hat und noch ein paar Tage durchs Ruby Valley dranhängt. Wir unterhalten uns nett und ich frage kurzerhand, ob ich mich ihm und seinem Guide Balkrishna anschließen kann. Die beiden sind einverstanden und ich freue mich auf 3-4 weitere Tage in den Bergen, ins mir völlig unbekannte Ruby Valley. Wir haben ein köstliches Dal Bhat zusammen mit der ganzen Familie, dann besuchen wir noch ein Fest im Dorf, mit viel Gesang, Tanz und Rakshi (lokaler Schnaps), bevor es müde ins Bett geht.

Tag 19: 14.11.2014
Gatlang – Khurpudanda Pass (3710m) – Somdang

Um 7:30 Uhr brechen Daniel, Balkrishna und ich auf nach Somdang. Nach ca. einer Stunde steilen Aufstiegs erreichen wir zunächst den Parvati Kund Lake, welcher leider fast komplett ausgetrocknet ist, und kurze Zeit später eine Käserei. Dort kaufen wir unser Mittagessen für die nächsten Tage, Käse mit Chapati.

Gatlang
Blick zurück auf Gatlang, im Hintergrund Langtang Lirung

Der Trek durchs Ruby Valley ist noch mitten in der Planung bzw. Gestaltung, die Infrastruktur für Trekker wird erst langsam aufgebaut. Es gibt noch keine Lodges, man muss entweder campen oder man schläft und isst bei den Einheimischen zu Hause. In den drei Tagen, die wir durch die Region wandern, sehen oder treffen wir keinen einzigen anderen westlichen Trekker. Ich frage mich, welche Entwicklung dieser Trek nehmen wird und ob es hier in ein paar Jahren von großen Trekkinggruppen wimmelt.

Nach der Käserei geht es weiter steil hinauf, insgesamt steigen wir heute über 1500 Höhenmeter bis zum Khurpudanda Pass auf. Der Aufstieg ist knallhart, ich fühle mich nicht fit heute und bin stark am Kämpfen. Um 12 Uhr stehen wir auf dem Pass und genießen unsere Käsebrote. Der Abstieg ist zum Glück kurz, schnell erreichen wir die kleine Siedlung Somdang. Den Rest des Tages hängen Dan und ich herum, uns unterhaltend, lesend und essend.

Khurpudanda Pass
Daniel

Tag 20: 15.11.2014
Somdang – Pangsang Pass (3830m) – Chalish

Heute geht es den nächsten Pass hinauf, den Pangsang Pass auf 3830m. Die Anstrengung hält sich in Grenzen, ich finde es nicht so heftig wie gestern. Oben vom Pass aus sehen wir die Annapurnas in weiter Ferne, ich kann sogar Annapurna South und den markanten Machapuchare durch mein Fernglas erkennen, daneben die Berge des Manaslu Himal und die ersten beiden Ganesh-Berge im Westen. Auf der anderen Seite sehen wir zum letzten Mal auf diesem Trek die Langtang-Range, mit Langtang Lirung als höchste Erhebung. Nach langer Pause und Mittagessen auf dem Pass beginnt der Monsterabstieg von über 2000 Höhenmetern über Tippling bis nach Chalish.

Gegen 16 Uhr erreichen wir unser Ziel für heute, Dan und ich beziehen unser Nachtlager auf dem Dachboden einer alten Scheune. Vor dem Abendessen schlendern wir durch das Dorf, es ist das Heimatdorf von Balkrishna und er kennt und begrüßt jeden einzelnen Dorfbewohner. Wir werden von einer ganzen Reihe von Bekannten von ihm auf einen Tee oder Rakshi eingeladen, dann gibt es bei einem weiteren Bekannten Dal Bhat. Das Essen haut Dan und mich aus den Socken, so ein köstliches Dal Bhat habe ich selten gegessen. Ganz klar, der Award für das beste Dal Bhat des Treks geht an die Bekannte von Balkrishna in Chalish. Um 19 Uhr geht es schließlich vollgegessen ins Bett.

Tag 21: 16.11.2014
Chalish – Darkha Phedi

Langer Tag. Es geht abwechselnd auf und ab, durch kleine Dörfer und entlang hoher Berghänge. Wir machen eine lange Pause in Bagung und haben ein zweites Frühstück dort. Immer wieder kommen uns Porter und Maultierkarawanen auf dem engen Pfad entgegen, man muss aufpassen, nicht von einem der Tiere den Hang hinuntergestoßen zu werden. Um 15:30 Uhr sind wir in Darkha Phedi, wo wir das Ende unseres Treks mit Bier und dem obligatorischen Dal Bhat feiern.

Ruby Valley
Ganesh IV und III
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