Shantaram

“Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.”
Albert Camus

 

Ladakh im Oktober 2011: Erinnerungen.

Leh

Es ist Oktober und fast schon Winter in Ladakh. Die Hochgebirgsstraße von Manali nach Leh ist bereits unpassierbar, man kann nur noch mit dem Flugzeug in den nördlichsten Zipfel Indiens gelangen.

Von Delhi fliege ich also in die Hauptstadt Ladakhs, nach Leh. Der Flug ist ein Traum, unter mir beobachte ich die Veränderung der Landschaft; von der Tiefebene Nordindiens bis zum Himalaya. Der Flieger schlängelt sich durch die Berge, zum ersten Mal sehe ich kurz vor der Landung den Stok Kangri (6090m).

Nur eine Flugstunde trennen Delhi und Leh, aber der Unterschied könnte größer nicht sein. Delhi war schwül und anstrengend, verschmutzt und hoffnungslos überbevölkert. Ladakh ist spärlich besiedelt, die Luft ist trocken und kalt, die Menschen hier praktizieren den tibetischen Buddhismus und sind angenehm unaufdringlich. Politisch gehört Ladakh zu Indien, geographisch und ethnisch aber zu Tibet.

Ich finde eine kleine, gemütliche Unterkunft etwas außerhalb der Innenstadt Lehs in Changspa mit schöner Sicht auf Felder und Berge. Die Hochsaison in Ladakh ist vorbei, viele Geschäfte und Restaurants haben geschlossen und es sind kaum noch Touristen in der Stadt.

Leh

Am nächsten Tag laufe ich die vielen Stufen hoch zur Shanti Stupa auf 4200m, es ist knallhart, in der Höhe ist man schnell außer Atem. Zur Belohnung gibt es von der Stupa eine schöne Aussicht auf die grüne Oase Leh und über das Indus-Tal zur Berggruppe um den Stok Kangri.


Stok Kangri: 1. Versuch

Ich habe Ellen und Jonas aus Schweden kennengelernt und wir haben die letzten Tage damit verbracht, eine Expedition zum Stok Kangri zu organisieren. Der Berg ist technisch einfach zu besteigen, die einzige Schwierigkeit liegt in der großen Höhe von über 6000m.

Besteigungsgenehmigung, Koch, Guide und Maultiere sind schließlich organisiert, mit dem Jeep fahren wir zu der kleinen Ortschaft Stok, wo wir den zweitägigen Trek zum Basislager beginnen.

Im Basislager (~5000m) bleiben wir zwei Nächte um unsere Körper weiter an die Höhe zu gewöhnen. An unserem Ruhetag steigen wir rauf auf einen kleinen Bergsattel oberhalb des Basislagers, wir posieren mit den Gebetsfahnen dort und genießen die Sicht auf umliegende Täler und Berge.

Dann ist es so weit, am nächsten Tag starten wir um 1 Uhr Richtung Gipfel. Kopfschmerzen begleiten mich während wir durch die Nacht wandern. Wir überqueren einen Gletscher und erreichen ein paar Gebetsfahnen bei Sonnenaufgang. Das Wetter ist bescheiden, der Gipfel ist wolkenverhangen, die Fernsicht sehr beschränkt. Hier zwingen mich die Kopfschmerzen umzukehren, sie sind mittlerweile unerträglich geworden, mit jedem Meter, den wir aufsteigen, werden sie schlimmer. Der Gipfel ist noch ein ganzes Stück entfernt, ich habe Angst ernsthaft höhenkrank zu werden und will nichts riskieren. Deprimiert verabschiede ich mich von den anderen und steige zurück ins Basislager ab.


Thiksey

Nach ein paar Tagen in Leh nehme ich den Bus nach Thiksey. Der Ort ist bekannt für sein buddhistisches Kloster, es thront auf einem Hügel über das Tal und ist eines der größten in Ladakh. In der Gebetshalle des Klosters schaue ich mir die puja (buddhistisches Gebet) der Mönche an.

Die Sicht vom Kloster auf Tal und Berge ist überragend:


Nubra Valley

Mit einer Jeeptour bin ich unterwegs ins Nubra-Tal. Die abenteuerliche Piste schlängelt sich hoch zum Khardung La Pass, mit einer Höhe von 5379m einer der höchsten befahrbaren Gebirgspässe der Welt. Ab hier wird die militärische Präsenz auf der Straße so langsam beängstigend. Indien befindet sich seit Jahrzehnten im Konflikt mit Pakistan und China um die Grenzgebiete in Kaschmir, vor allem um den Grenzverlauf am nahegelegenen Siachengletscher.

Wir folgen dem Nubra-Fluss, halten in kleinen Dörfern und schauen uns (kleinere wie größere) Sehenswürdigkeiten unterwegs an:

In Panamik drehen wir schließlich um, das Gebiet dahinter bis zum Siachengletscher ist militärische Sperrzone und für Touristen tabu. Über den Khardung-Pass geht es den gleichen Weg wieder zurück nach Leh; die Berge immer vor Augen.

Stok Kangri: 2. Versuch

Der Stok Kangri geht mir nicht aus dem Kopf. Von Tag zu Tag wächst in mir der Entschluss, ihn ein zweites Mal zu probieren. Durch meine Touren in der Zwischenzeit fühle ich mich mittlerweile perfekt an die Höhe akklimatisiert, die Zeit bis zu meinem Rückflug nach Delhi könnte so gerade reichen für einen weiteren Versuch.

Mit meinem Guide Dorjay laufe ich am ersten Tag bis kurz vors Basislager. Wieder brechen wir frühmorgens zum Gipfel auf und steigen lange Zeit durch die kalte Nacht.

Und dieses Mal läuft alles perfekt. Das Wetter könnte besser nicht sein, keine Wolken, keine Kopfschmerzen und überragende Ausblicke in alle Himmelsrichtungen. Gegen acht Uhr stehen wir auf dem Gipfel. Tief unter uns im Tal sehen wir Leh, weit im Norden am Horizont sind die Siebentausender des südlichen Karakorum zu erkennen, besonders die hohen Berge des Saser Kangri ragen heraus.

Stok Kangri

Aufgrund der Erdkrümmung sind die Achttausender des zentralen Karakorum nicht auszumachen, ich hatte gehofft K2 und Co. vom Gipfel sehen zu können. Im Süden blicken wir über ein paar Nachbarberge und das Markha Valley hinweg auf die Berge der Kang Yatze-Gruppe. Wir können uns nicht sattsehen an der spektakulären Sicht und bleiben lange Zeit oben.

Über Geröllhänge und lose Felsblöcke steigen wir wieder ab, der Abstieg zieht sich ewig und geht voll auf die Knie. Gegen Nachmittag sind wir zurück am Zelt, müde, aber happy und erfüllt von den Eindrücken der Besteigung.

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